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Maulkorb für Gewerkschaften?!

Maulkorb für Gewerkschaften?!

Offener Austausch unerwünscht

Strömender Regen in München, dennoch lässt die FilmUnion Süd nicht locker und besucht das Set zum Snowden Film ein zweites Mal, anlässlich der deutschlandweiten ver.di Setbesuchswochen.

Leider hatten die Produktionsverantwortlichen für unser Erscheinen kein Verständnis. Man versuchte, uns von einem öffentlichen Gelände herunter zu bitten. Für etwaige Gesprächspartner gab es böse Blicke.

Weil dieses Vorgehen klar gegen das von unserer Verfassung geschützte gewerkschaftliche Betätigungsrecht geht, möchten wir auf diesem Wege Stellung beziehen:

Unser Anliegen und unsere Aufgabe ist, die Filmschaffenden über ihre Rechte und Pflichten zu informieren, z.B. durch das Verteilen von Tarifverträgen und Broschüren. Im Vordergrund steht die Aufklärung, wie, wann und für wen der TV FFS Anwendung findet und welche weiteren Schutzgesetze für Arbeitnehmer zur Anwendung kommen können, unabhängig davon, ob eine Produktion tarifgebunden ist – oder nicht. Deshalb kommen wir zu euren Drehs.

Vor allem aber wollen wir hören, wie es an eurem Set läuft, welche Fragen oder Probleme ihr habt, wie wir euch unterstützen können? Nach dem letzten Setbesuch erreichten uns viele Beschwerden zur Überschreitung des Arbeitszeitgesetzes. Zwar dürfen auch nicht tarifgebundene Produktionen individualvertraglich über eine Bezugnahmeklausel den Tarifvertrag einbeziehen, dennoch darf es dann nicht zu einer Benachteiligung der Arbeitnehmer kommen.

Eine pauschalierte Abgeltung von Mehrarbeitszuschlägen, die im konkreten Einzelfall den oder die Filmschaffende übervorteilen würde, darf es nicht geben. Darüber hinaus kennen sowohl der TV FFS als auch das Arbeitszeitgesetz Nachtarbeitszuschläge.

Keineswegs will und wollte ver.di den »Betriebsfrieden« stören. Auch wir kennen den Zeitdruck, den solche Filmproduktionen unterliegen. Nichtsdestotrotz ist und bleibt eine Produktion arbeitsrechtlich gesehen immer ein Betrieb. Und zu diesem haben wir ein gewerkschaftliches Zutrittsrecht – egal ob »closed set« oder nicht.

Danke dennoch an alle Filmschaffenden, welche trotz »Maulkorb« mit uns ins Gespräch gekommen sind. Die von Euch geschilderten Probleme haben wir an das Gewerbeaufsichtsamt weitergeleitet.

Liebe Produktionsfirma,

  • auch wir kennen das Arbeiten unter Zeitdruck.

    Wisst ihr eigentlich schon was »white Mexicans« sind. Hinter vorgehaltener Hand spotten die US-Amerikaner über die billigen Arbeitskräfte in Deutschland. Hollywoodglanz zum Billigtarif und dann auch noch staatlich gefördert. Selten kommen amerikanische Produktionen nach Deutschland, weil unsere Landschaft so toll ist. Überraschender weise gibt es auch in den USA tolle Berge, Seen, Häuser, Wälder und Täler – nein sie kommen, weil nicht tarifgebundene Produktionsfirmen in Deutschland Pauschalverträge anbieten. Der Einzelne Filmschaffende kann wenig dagegen tun, außer sich gewerkschaftlichen oder arbeitsrechtlichen Rat zu holen. Leider oft mit der Konsequenz, dass weitere Filmproduktionen danach zweimal überlegen, ob DER FILMSCHAFFENDE nochmal engagiert wird.

    Nachdem Ihr eine Nacht über unser gestriges Gespräch geschlafen habt, werdet ihr sicher nun verstehen, dass wir die Namen unser Mitglieder nicht veröffentlichen können. Zudem dürfen Gewerkschaften Betriebe betreten – völlig unabhängig wie viele Mitglieder derzeit im Betrieb tätig sind.

    Wie versprochen – nun zu den Details: Für nichttarifgebundene Produktionsfirmen gilt grundsätzlich das Arbeitszeitgesetz. D.h. es gelten die gesetzlichen Arbeitszeiten von täglich maximal 10 Stunden und wöchentlich maximal 60 Stunden (bei einer 6-Tage-Woche). Natürlich gibt es keinen Urheberrechtsschutz für unsere Tarifverträge. Wir freuen uns, wenn ihr über eine Bezugnahmeklausel den TV FFS einbezieht. Ihr wisst aber hoffentlich auch, dass ein Rosinen picken nicht möglich ist. Wer über die 10te Stunde produzieren will, muss auch die geltenden Zuschläge zahlen. Das gilt zum einen für Mehrarbeit, aber natürlich auch für Nacht- und Wochenendzuschläge, denn auch das Arbeitszeitgesetz kennt diese.

    Natürlich sind pauschale Abgeltungen möglich, aber dies darf nicht zu einer Schlechterstellung im konkreten Einzelfall führen. Sonn- und Feiertagsarbeit sind möglich, aber nicht ohne zeitlichen – oder finanziellen Ausgleich, auch nicht, wenn ein Filmschaffender sich freiwillig zur Sonn- und Feiertagsarbeit bereit erklärt.

    Zudem liegen uns ausführliche Dokumentationen vor, dass ohne Kompensation über 12 Stunden gearbeitet wurde.

    »closed Set«, amerikanische Beteiligung und Filmförderung heißt für uns nicht, dass wir die Augen verschließen. Ihr versteht sicherlich, dass wir auch weiterhin unseren Mitgliedern helfen, individualvertragliche Rechte durchzusetzen.

    Mit freundlichen Grüßen

    ver.di FilmUnion

Setbesuch am 18. März 2015