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Menschen machen den Film

ver.di FilmUnion

Menschen machen den Film

ver.di-Panel auf der Berlinale

Am Sonntag, den 10. Februar 2013 fand das mittlerweile 5. Berlinale-Panel der ver.di FilmUnion statt. Podiumsteilnehmer aus ver.di, Politik und Verbänden diskutierten teils heftig über die Frage, wie denn die Produktionsbedingungen für die Menschen beim Film verbessert werden können. Und tatsächlich kamen die Diskutanten zu mitunter überraschenden Lösungsvorschlägen.

Es ist im wahrsten Sinn des Wortes ein erhebendes Gefühl, im Filmhaus am Potsdamer Platz mit dem gläsernen Aufzug in die Höhe zu gleiten und dabei die Erde ein Stück weit unter sich zu lassen, aber nie aus dem Blick zu verlieren. Erreicht man den 4. Stock, wird man erfasst von der Geschäftigkeit, die die Berlinale und die ihre Rahmenveranstaltungen mit sich bringen. Das Museum für Film und Fernsehen ist bereits geöffnet, und so drängt der eine Teil der Besucher dort hinein, der andere in den luftigen und bis auf den letzten Platz besetzten Sitzungsraum der deutschen Kinemathek.

„Menschen machen den Film“ war das Thema des diesjährigen ver.di-Talks auf der Berlinale, der hier stattfindet, und den die Wirtschaftsjournalistin Maike Rademaker moderierte. Stefan Nowak, Mitglied des Vorstands der ver.di-FilmUnion und als Kameramann im nichtfiktionalen Bereich für reportagen, Dokumentationen und Wissenschaftsmagazine tätig, bekam als erster die Gelegenheit zu äußern: „Das größte Problem in der Branche ist, dass die Löhne seit 20 Jahren nicht erhöht worden sind. Bei Anrechnung der Inflation und der allgemeinen Teuerungsrate muss ich von einem gefühlten Kaufkraftverlust von 50 % ausgehen. Das führt auch dazu, dass ich mir als freischaffender Kameramann keine Altersvorsorge aufbauen kann“, sagte Nowak. Alexander Thies, Produzent und Vorstandsvorsitzender der Produzentenallianz pflichtete Nowak bei, indem er feststellte, dass „die Wertschätzung für das, was wir machen, immer kleiner wird. Bei der Würdigung von Film als Kulturgut haben wir in Deutschland kein Problem. Beim Ausdrücken dieser Würdigung in Geld hingegen schon.“

Auch Regina Ziegler, Geschäftsführerin der Ziegler Film GmbH konstatierte geringere Produktionsbudgets, doch sie bekannte sich zum Tarifvertrag für auf Produktionsdauer beschäftigte Filmschaffende und betrachtete die Herausforderungen einer sich ändernden Branche als Chance besonders auch für Produzenten. „Ich möchte nicht im engen Korsett sitzen und sagen, oh Gott, oh Gott, es ist alles so furchtbar geworden, sondern ich möchte neue Wege gehen und Kino und Fernsehfilme produzieren, die ankommen, und die gefallen. Und da finde ich immer einen Weg. Ich sitze also nicht auf der Klagemauer, sondern ich habe Perspektiven“, sagte sie. Beispielsweise drehe sie häufiger im Ausland, um in den Genuss von Steuererleichterungen zu gelangen, oder sie suche sich Koproduktionspartner im In- oder Ausland. Gleichzeitig unternehme sie regelmäßig Versuche, um unkonventionelle Finanzierungsmöglichkeiten auszuloten. Im Fall der ARD-Serie „Weißensee“ habe sie selbst die Finanzierungslücke geschlossen und dafür von der ARD die DVD-Rechte erhalten. Zur zeitnahen Zurückgewinnung ihres Investments handelte sie mit der ARD aus, die DVD vor der TV-Ausstrahlung herauszubringen, „eine Sache, die in Holland und in anderen Ländern gang und gäbe ist.“

Für den ver.di-Tarifsekretär Matthias von Fintel stellte sich noch ein anderes Problem: „In der gesamten Branche von Sendern bis Produzenten muss die Qualitätsfrage nach vorne gestellt werden. Qualität kann nur von Profis geleistet werden. Der Preis für Qualität ist das, was an Tarifgagen aufgerufen wird. Für diejenigen, die als Urheber tätig sind und kreative Leistung einspeisen, muss eben entsprechend bezahlt werden." Laut Produzentenstudie sei aufgrund regelmäßiger Tariferhöhungen der Anteil der Personalkosten für Kino und TV von 2000 bis 2012 moderat gestiegen. Im non-fiktionalen Bereich verhindere kein Tarifvertrag das Durchsschlagen von Budgetsenkungen auf die Honorare - ein Beleg für die Wichtigkeit von Tarifverträgen. Leidenschaft und professionelles Arbeiten müssen sich für die Menschen beim Film lohnen, das Mitarbeiten an einem Low Budget-Film oder an einem Projekt, das nicht gemäß Tarifvertrag bezahlt worden sei, sei verlorene Arbeits- und Lebenszeit für die soziale Absicherung.

Soziale Absicherung war das Stichwort für Angelika Krüger-Leißner, der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Arbeit und Soziales, sowie der filmpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie forderte, „die auf zwei Jahre verkürzte Rahmenfrist, innerhalb derer die Anwartschaftszeit für den Bezug von Arbeitslosengeld I erfüllt werden muss, für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wieder auf drei Jahren zu verlängern und mit Blick auf die besonderen Erfordernisse der Projektbeschäftigten durch eine verkürzte Anwartschaft mit 12 Wochen Befristungsgrenze zu kombinieren.“ Dies sei ein Vorschlag, der hoffentlich ab Herbst mit neuen Mehrheiten im Bundestag umgesetzt werden könne.

Weitere Themen, die diskutiert wurden, war die negative Entwicklung für die gesamte Branche, die dadurch entsteht, dass Heerscharen teils schlecht ausgebildeter Jungproduzenten in einen barrierefreien Filmmarkt streben, deren einzige Möglichkeit es sei, durch Billigangebote Auftraggeber auf sich aufmerksam zu machen. Dass das nichts mit Professionalität zu tun habe, sondern mit Lohndumping, darüber waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. Einigkeit herrschte auch darüber, dass es im Filmförderungsgesetz (FFG) bisher keinen Niederschlag gefunden hat, dass Menschen den Film machen. Von Fintel bemängelte in diesem Zusammenhang, dass das FFG lediglich Wirtschaftsförderungsgesetz sei. Man müsse aber dahin kommen, mit dem FFG eine funktionierende Beschäftigungsstruktur zu fördern und nicht nur von Projekt zu Projekt zu denken, indem man bei Erfolg einen Bonus fürs nächste Projekt ausspräche. „Wir streben bei der Novellierung des FFG an, dass Urheber eine Erlösbeteiligung erhalten“, sagte von Fintel. Hierdurch würde man die Stärkung der Beschäftigtenbelange erreichen.

Einen überraschenden Vorschlag zur Lösung der Probleme der sinkenden Gagen für Filmschaffenden äußerte Nowak. Er forderte, dass Sender „innerhalb der Produktionsbudgets eine feste Honorierung für Produzenten festschreiben.“ So könne gesichert werden, dass Produzenten die eigenen finanziellen Bedürfnisse, um ihre Firmen am Leben zu halten, nicht aus den Budgets rausrechneten und dadurch den Filmschaffenden die vollumfänglichen Honorare vorenthielten.

Rademaker fasste die gefundenen Lösungsansätze zusammen: „Produzenten müssen kreativer werden, sie können beispielsweise über Koproduktionen zu mehr Geld kommen. Durch feste Honorierungssätze für Produzenten könnte man ein Absenken der Honorare für die Filmschaffenden verhindern. Man muss über Markteintrittsbarrieren nachdenken, so dass der Markt nicht immer größer wird. Aber auch die Tarifpartner haben die Verantwortung, eng zusammen zu arbeiten und auch mit der Politik nach konkreten Lösungen zu suchen.“

Christoph Brandl

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