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„AGFA 1939“ – Meine Reise in den Krieg

„AGFA 1939“ – Meine Reise in den Krieg

Auf der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche stellte der junge Pole Michal Wnuk seinen Dokumentarfilm über die Aufarbeitung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zur Diskussion.

„Die dritte Generation: Wie die Enkel die Geschichte des Zweiten Weltkriegs erzählen“, so lautete die Überschrift des Panels auf der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche, in dem der junge polnische Filmemacher Michal Wnuk seinen im vergangenen Jahr auf ARD ausgestrahlten Dokumentarfilm „AGFA 1939“ – Meine Reise in den Krieg vorgestellt und mit dem Publikum diskutiert hat.

In einer alten Schachtel mit der Aufschrift AGFA auf dem Dachboden findet Michal unzählige Fotos und zwei Filmrollen, die offensichtlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Da sein Großvater, ein Deutscher aus Schlesien, Arzt in der Wehrmacht war, vermutet er, Fotos und Film könnten von ihm stammen. Er begibt sich nun auf eine Spurensuche in die Vergangenheit, trifft dabei auf eine Großtante, die er schon lange nicht mehr gesehen hat, auf deutsche Vertriebene, die besorgt sind, dass sie im Film womöglich als zu positiv dargestellt würden und auf das leere Grab seines Großonkels, der im  Zweiten Weltkrieg für die Polnische Heimatarmee im Widerstand gegen die Deutschen kämpfte und 1945 von den Kommunisten wegen seiner rechtskonservativen politischen Ansichten ermordet wurde. Und von diesem Onkel, so stellt sich schnell heraus, stammen auch die gefundenen Aufnahmen – nicht wie erwartet vom Großvater in der Wehrmacht.

AGFA 1939 - Der Trailer

Agfa 1939 Trailer from Michal Wnuk on Vimeo.

Der Zweite Weltkrieg bestimmt auch heute noch das Tagesgeschehen in Polen. „History is the present in Poland“ – in Polen ist die Vergangenheit die Gegenwart, so drückt es Regisseur Wnuk aus. „Dein Großvater war in der Wehrmacht“ galt und gilt in Polen als übelste Beleidigung.

Dies bekamen auch Donald Tusk und seine Partei PO zu spüren, die 2005 die Präsidenten- und Parlamentswahlen nicht zuletzt auch deshalb verloren, weil Tusk von seinen politischen Gegnern vorgeworfen worden war, dass sein Großvater für kurze Zeit in der Wehrmacht gedient hatte. Tatsächlich war Tusks Großvater Józef Tusk zwangsverpflichtet worden und höchstwahrscheinlich gleich wieder desertiert, denn nur kurze Zeit später diente er in der polnischen Exilarmee.

AGFA 1939 - Eine ARD-Produktion

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass es Michal Wnuk bisher nicht gelungen ist, seinen Dokumentarfilm auch im polnischen Fernsehen zu zeigen. Der polnische öffentlich-rechtliche Rundfunk zeigt sich nicht bereit, einen Dokumentarfilm über einen Großvater in der Wehrmacht auszustrahlen. Zwar gebe es ein Angebot eines privaten Senders, der Regisseur bevorzugt jedoch die Ausstrahlung durch einen öffentlich-rechtlichen Sender, mit der ein weitaus größeres Publikum erreicht werden würde.

Zum Glück zeigte sich der deutsche RBB an dem Film interessiert und so wurde AGFA 1939 für die ARD von RBB und MDR koproduziert und konnte schließlich am 19. August letzten Jahres erstausgestrahlt werden.

Für eine Ausstrahlung auch im polnischen Fernsehen kämpft Filmemacher Wnuk allerdings weiter.