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Kritik vom Set zum Mindestlohn-Vorschlag der Produzenten

Kritik vom Set zum Mindestlohn-Vorschlag der Produzenten

Die Rückmeldungen unserer filmschaffenden KollegInnen bestätigen, dass wir mit unserer Forderung »Keine Ausnahme zum Mindestlohn« richtig liegen. Das Bestreben der Produzentenallianz, die Filmwirtschaft brauche eine Ausnahme für Praktikanten vom Mindestlohn, wird an den Sets und in den sozialen Medien heiß diskutiert.

Der kritische Blick eines Filmschaffenden (Name liegt der Redaktion vor), den wir hier exemplarisch wiedergeben, spiegelt die Ansicht vieler KollegInnen wider, die uns immer wieder ganz ähnliche Erfahrungen und Einschätzungen über das Praktikantenwesen in Filmproduktionen liefern:

»Ich arbeite seit 20 Jahren in der Filmbranche ausschließlich am Set und weiß daher, wovon ich rede. Aufgrund der zweiten Pressemitteilung der Produzentenallianz (Anmerkung der Red.: "Mindestlohn für Lernende wird Branche nachhaltig schädigen" vom 23. Mai 2014) sehe ich mich genötigt, dazu einige Worte zu schreiben. Ich würde es nicht anonym tun, wenn ich schon das Rentenalter erreicht hätte. Nachvollziehbare Gründe (mit Nennung meines Namens hätte ich leider zukünftig Probleme bei Engagements) zwingen mich jedoch dazu.

Meine langjährige Erfahrung als Filmschaffender unterscheidet den Autor (der Pressemitteilung, Anmerkung der Red.) und mich voneinander, obwohl er den Kritikern des Vorschlages ja die Kenntnis der Situation abspricht. Praktikanten seien keine "normalen" Beschäftigten! Nein, sie sind unterbezahlte Ersatzkräfte für vollwertiges Personal! Praktikanten machen seit jeher den gleichen Job, wie zum Beispiel vollbezahltes Setpersonal, um mal bei dem schönen Beispiel der Aufnahmeleitung zu bleiben. Mit Praktikanten werden die am Set nötigen, erfahrenen Assistenten eingespart, und der Setaufnahmeleiter hat neben seiner meistens 15 und mehr Stunden umfassenden Tätigkeit noch Praktikanten anzulernen. Oft ist er der einzige "Vollbezahlte" der Abteilung. Mir sticht gerade das Wort "Vollbezahlt" ins Auge, dazu jedoch später mehr.

Praktikanten übernehmen regelmäßig am Set Aufgaben, für die der Gagentarifvertrag Mindestgagen vorsieht. (Siehe Gagentarifvertrag 1.3. "... sowie Assistenzen vorgenannter Sparten...") Worin genau besteht der Unterschied zwischen einem Set-Aufnahmeleiter-Assistenten und einem Set-Praktikanten? Ich konnte in 20 Jahren Berufserfahrung, außer in der Bezahlung, keinen feststellen! Was macht ein Garderobieren-Praktikant anderes als ein Garderobieren-Assistent? Ebenso frage ich mich das bei Requisite, Licht, Regie oder Ausstattung.

Es geht lediglich um Geld. Es werden keine Ausbildungsgänge ersetzt. Natürlich gibt es bei uns viele Quereinsteiger durch Praktika, es gibt aber auch viele Ausbildungsmöglichkeiten an Filmhochschulen. Ich werde nicht alle aufzählen.

In den Filmverbänden wird seit einiger Zeit über die Begrenzung der Praktika diskutiert. Denn in Wahrheit mag die Produzentenallianz zwar dafür eingetreten sein, aber die Wirklichkeit ist eine andere! Viele meiner Praktikanten machen bereits ihr viertes oder fünftes Praktikum und wollen endlich von ihrem Wunsch-Beruf leben können, sie wollen als Assistent eingestellt werden. Dafür ist aber kein Geld da! Pro Film gibt es zwischen zwei und fünf Praktikanten.

Das ist die Wirklichkeit.

Die Krone der Unmöglichkeit ist die, dass bei Produktionsleitern inzwischen schon oft als Trost für das unterirdische Praktikantengehalt zu hören ist: „Wir haben ja auch eine Praktikantenkasse, da gibt's ja noch was extra.“ Da wird allen Ernstes mit dem Mitleid der Kollegen ein Mensch bezahlt, der 15 und mehr Stunden für das Wohlergehen des gesamten Teams sorgt. Und die Kollegen geben Geld dafür aus, dass ein regulärer Arbeitsplatz mit einem Praktikanten besetzt wird!

Ja, liebe Produzentenallianz, so ist die Realität am Set. Es scheint, als nähmen Sie zentrale Punkte in der professionellen Filmproduktion nicht wahr. Es gibt Beweise, die der ver.di FilmUnion und auch Ihnen vorgelegt worden sind, dass die Einhaltung des Tarifvertrages nicht die Regel, sondern leider die Ausnahme ist. Immer wieder bei Gagenverhandlungen hört man: Tarif können wir nicht zahlen! Warum nicht? Was machen Sie falsch? Warum verhandeln Sie einen Tarifvertrag, den Sie nicht einhalten können?

Verhandeln Sie mit der Politik über eine vernünftige Ermittlung Ihres Finanzbedarfs und nicht über eine Ausnahmeregelung, die den eh schon unterbezahlten Filmschaffenden das Wenige noch weiter kürzt.

Finden Sie meine Aussagen entbehren jeder Grundlage? Ich kann Ihnen Verträge von meinen über einhundert Projekten zeigen, da werden Sie die Tariftreue, von der Sie immer reden, vergeblich suchen. Hundert Projekte, runtergerechnet auf durchschnittlich 40 Kollegen pro Projekt, minus einiger Dopplungen, bedeutet, dass ich Erfahrungen mit ca. 3.000 Filmschaffenden und 70 Produktionsfirmen habe. Glauben Sie mir, dass ich weiß, wovon ich rede!

Und glauben Sie mir, mir geht es wie vielen Filmschaffenden: Wir haben das Gejammer satt! Wir machen Filme, weil wir es lieben! Die Reaktion von ver.di (s. 1) oder die von Martin Hagemann sind keine vereinzelten, kontroversen Stimmen. Es ist der Aufschrei einer ganzen Branche: Macht Euren Job und bezahlt uns vernünftig.

Einer von ungefähr 200.000 Filmschaffenden in Deutschland«.